Medienpass NRW – ein Diskussionsbeitrag

Schlüsselkompetennz Kreativität

Schlüsselkompetenz Kreativität

Auf der Plattform “Medienpass NRW” geht es um die Frage, “über welche Fähigkeiten Kinder und Jugendliche heute verfügen müssen, um selbstbestimmt mit Medien umgehen zu könnnen.” Auf drei Fragen in der Online Diskussion habe ich geantwortet:

“Kennen Sie Projekte zur Förderung von Medienkompetenz? Wenn ja, welche finden Sie gut?”

Der Grundbaukasten mekonet und der Medienpädagogische Atlas verzeichnen bspw. zusammen über 2.000 Projekte zur Förderung von Medienkompetenz. Welche “gut” oder “geeignet” sind, lässt sich nur hinsichtlich Zielgruppe, Medienart, Ziel und Nutzungskontext bestimmen. Aus meiner Sicht rückt die Förderung instrumenteller Medienkompetenzen im allgemeinbildenden (nicht-beruflichen) Bereich immer weiter in den Hintergrund: Nicht das Erlernen von Handhabungsfertigkeiten (die wohl über peer-to-peer und informelles Lernen ohnehin besser gefördert werden), sondern kreative Mediengestaltung, Medienreflexion und die Sensibilisierung für Effekte mediengestützter Kommunikation sollten vorrangige Ziele der Förderung durch Medienkompetenz-Projekten sein.

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“Medienkompetenz” auf Begriffsparkposition?

Sollte man den Begriff “Medienkompetenz” solange auf eine “Begriffsparkposition” schieben, bis eine für das 21. Jahrhundert angemessene Definition gefunden ist? Zu Beginn des 21. Jahrhunderts konnte ich über 100 Definitionen im öffentlichen Diskurs finden und analysieren (vgl. Gapski 2001).  Der Begriff wird in verschiedenen Diskursen ausgehandelt, geformt und verändert. Die grundsätzliche Problematik liegt – wie der Medienpädagoge Muus-Merholz im obigen Video (2:15) hervorhebt –  im Wandlungsprozess unserer Gesellschaft: Durch den Komplexbegriff Medienkompetenz werden “Debatten abgekürzt” und man “umgeht” das, “was wirklich dahinter liegt – ein gesellschaftlicher Umbruch”.

Systemtheoretisch lässt sich diese Beobachtung mit dem Begriff “Latenz” genauer beschreiben:

“Je stärker die Gesellschaft informationell differenziert und mediatisiert ist, desto deutlicher werden auch Formen hervortreten, deren latente Funktion die Latenzbewahrung für informationelle Differenzierung und Mediatisierung ist. Individuell und subjektzentriert verstandene Medienkompetenz ist – so die hier vorzustellende These – eine solche hervortretende Form. Die Rede vom medienkompetenten Individuum fügt sich umstandslos ein in die systemischen Imperative der einzelnen Diskurse. Einerseits demonstriert die Griffigkeit des Motivs vom „medienkompetenten Individuum“ aktuellen gesellschaftlichen Handlungsbedarf und dient dabei zugleich der ständigen Irritation der Massenmedien, die über die zahlreichen aktuellen pädagogischen, wirtschaftlichen, rechtlichen oder politischen Forderungen nach mehr Medienkompetenz berichten. Andererseits bewahrt diese Form(el) die Latenz eines gesellschaftlichen Strukturwandels mitsamt der eingebetteten Organisationen und behandelt damit verbundene Unsicherheiten in der Rede von der individuellen „Beherrschung“ und aktiven „Mitgestaltung“ mediengestützter Kommunikation. Die Forderung nach „mehr“ Medienkompetenz, verstanden als Fähigkeit und Fertigkeit des Einzelnen, hebt zwar die gesellschaftliche Bedeutung von Medien im Allgemeinen hervor, stiftet jedoch gleichzeitig Intransparenz in Bezug auf die mitzuberücksichtigen organisatorischen und gesellschaftlichen Strukturveränderungen, ohne die eine ‚medienkompetente Gesellschaft’ nicht möglich wäre. Medienkompetenz in seiner verkürzten subjektiven Fassung erzeugt den blinden Fleck des gesellschaftlich und organisatorisch notwendigen Strukturwandels.”

Quelle: Gapski, Harald (2001): Medienkompetenz. Eine Bestandsaufnahme und Vorüberlegungen zu einem systemtheoretischen Rahmenkonzept. 1. Aufl. Wiesbaden. S. 224f, hier: 226-227.

Durch Ortswechsel Bildung unterbrechen?

Werbung für ein mobiles Endgerät an einer Hauswand in Berlin.

Werbung für ein mobiles Endgerät an einer Hauswand in Berlin.

Die Diskussion – auch am Rande der gestrigen mekonet Fachtagung – erinnerte mich an einen altes Zitat des kanadischen Medienwissenschaftlers Marshall McLuhan aus dem Jahre 1967:

“The electronic environment makes an information level outside the schoolroom that is far higher than the information level inside the schoolroom.  In the nineteenth century the knowledge inside the schoolroom was higher than knowledge outside the schoolroom. Today it is reversed. The child knows that in going to school he is in a sense interrupting his education.” (McLuhan 1967)

Nach über vierzig Jahren Medienentwicklung scheint diese Behauptung eine empirische Unterstützung zu erfahren. Schülerinnen und Schüler „unterbrechen“ demnach ihre Bildung, wenn sie sich in „elektronisch informationsarmen Schulräumen“ aufhalten. In diesem Sinne könnte man bereits damals ein Analyseergebnis der PISA 2003 Studie zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) in der Schule interpretieren: „Schülerinnen und Schüler, die ihre Computerkenntnisse vornehmlich in der Schule erwerben, weisen gegenüber den Gruppen, die diese anderorts erwerben, einen deutlichen Kompetenzrückstand auf“ (Senkbeil / Drechsel 2004, Literaturangaben, s. Gapski (2006a).

Was bedeutet dies? Auf Ausstattungsinitiativen von Schulen zu verzichten, weil die informationsreichere Umgebung ohnehin außerhalb der Schule in der Freizeitwelt vorhanden ist und die Kompetenzen im Umgang mit Informationen auch dort erworben werden? Dem Prinzip der Teilhabe und Chancengerechtigkeit folgen und Ausstattungen für informationsarme Umwelten in der Schule bereitstellen? Den Fokus in der Schule auf Kreativität, Reflexion und Begleitung legen und die (ohnehin in den privaten Haushalten vorhandenen) mobilen Technologien als Mittler zwischen Lebens- und Schulwelt begreifen – mit allen Konsequenzen für eine neue Lernkultur?

 

Die Grenzen von Baarle-Nassau – eine Google Maps Entdeckung


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Beim Surfen über Google Maps zwischen den Niederlanden und Belgien bin ich auf einen Fleck an der Landesgrenze gestoßen. Vergrößert man diesen Ausschnitt landet man in einem Absurdistan der europäischen Grenzziehung: Baarle-Nassau. Enklaven, Exklaven und Grenzziehungen durch Straßen und Häuser. Wikipedia spricht davon, dass sogar Tische in Restaurants des Städtchens Baarle-Nassau unterschiedlichen Ländern zuzuordnen sind.

Statement – Medienpädagogischer Kongress 24.3.11, Berlin

Berlin - Alexanderplatz

Berlin - Alexanderplatz

Mein Statement für die AG Informations- und Kommunikationskompetenz
Kompetenzen in einer mediatisierten und informatisierten Welt

Wir erleben einen gesellschaftlichen Informatisierungs- und Medialisierungsprozess mit grundlegenden Auswirkungen auf alle Lebensbereiche. Die Digitalisierung und globale Vernetzung, die Mobilisierung der Endgeräte, die gemeinschaftlichen Nutzungspraktiken, die Programmierung von ehemals exklusiv sozialen Prozessen lassen soziotechnische Systeme mit emergenten Eigenschaften entstehen. Technische und gesellschaftliche Entwicklungsprozesse befinden sich in einem Verhältnis der Ko-Evolution. Bisher bestehende Grenzziehungen, etwa zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, zwischen menschlicher und künstlicher Informationsverarbeitung, zwischen Produzenten und Konsumenten und zwischen Lehrenden und Lernenden verschieben sich und müssen zum Teil neu verortet werden. …

Brauchen wir eine bildungspolitische Vision für eine Bildung im 21. Jahrhundert und wie positionieren sich Medien- und Informationskompetenz darin?

Mündliches Statement für die Internet Enquete

Berlin - Reichstag - Paul-Löbe-Haus

Berlin - Reichstag - Paul-Löbe-Haus

Mein mündliches Statement im Rahmen der öffentlichen Anhörung der Enquete-Kommission Internet und die digitale Gesellschaft im Deutschen Bundestag am 13. Dezember 2010 in Berlin. Mein schriftliches Statement findet sich hier.

Anfang der 90er Jahre wurde der Begriff Medienkompetenz etwa in den Tageszeitungen  fast nie verwendet. Noch in der 24-bändigen Brockhaus-Enzyklopädie von 1998 findet man keinen Artikel-Eintrag “Medienkompetenz”. Mit der Verbreitung des Internets hat dieser Begriff eine enorme Konjunktur in der öffentlichen Debatten erfahren. Medien erzeugen eine Beschreibung der Realität, und das ist die „Realität“, an der sich die Gesellschaft auch im Hinblick auf die Bedeutung von Medienkompetenz orientiert.

(1)  Medienkompetenz ist das Konstrukt eines Beobachters. Wenn wir über Medienkompetenz sprechen, müssen wir auch über die Beobachter und die Kontexte, in denen beobachtet wird, sprechen: Medienkompetenz verweist auf eine pädagogische Medienmündigkeit, eine wirtschaftliche IT-Kompetenz, einen rechtlichen Jugendschutz-faktor, eine politische Demokratiekompetenz und Verbraucherschutzkompetenz.

(2) Medienkompetenz ist eine gesellschaftliche Querschnittsaufgabe – Medienkompetenz betrifft alle Zielgruppen und Medienformen sowie alle relevanten Akteure in diesen Bereichen.

(3) Medienkompetenz ist nicht gleichzusetzen mit Medienqualifikation. Medienkompetentes Handeln hat etwas zu tun mit Problemlösungen in offenen Situationen, mit Selbstorga-nisationsfähigkeit und Kreativität im Umgang mit Medien. Es geht um weit mehr als um abfragbares Fach- oder Bedienwissen.

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